Warum Teamkultur wichtiger ist als die Dienstordnung – Artikel für https://lehrernrw.de/2026/06/25/verbandszeitschrift-3-2026/

„Die Schulleiterin oder der Schulleiter ist verantwortlich für die ordnungsgemäße Wahrnehmung der Dienstpflichten der Lehrerinnen und Lehrer“ – so lautet der formale Kern der Zusammenarbeit in der Allgemeinen Dienstordnung. Doch wie lässt sich auf dieser Basis eine zeitgemäße, positive Beziehungskultur gestalten, die von Vertrauen und flexiblen statt starren Rollen geprägt ist? 

Viele Lehrkräfte, ob neu im Beruf oder erfahren, fühlen sich in einer auf Anweisung und Kontrolle beruhenden Schulkultur unwohl. Das hergebrachte Bild der Schulleitung an der Spitze, die Vorgaben der Schulaufsicht umsetzt, scheint daher oft näher an der rechtssicheren Verwaltung als an einem Investment in die Schulkultur zu sein. 

Ein Wandel des Denkens ist sichtbar 

Doch es gibt Hoffnung. Wenn man einen Schulaufsichtsbeamtensagen hört: „Arbeiten Sie so agil wie Sie wollen, aber halten Sie den Dienstweg ein“, liegt darin durchaus die Erlaubnis, in der eigenen Schule neue Wege zu gehen. Auch die Metapher der „Schulfamilie“, die zunehmend bemüht wird, deutet auf einen Haltungswandel hin: weg von einer konformistischen Organisation, hin zu einer Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten und Vertrauen beruht. In einer solchen Schule lautet die entscheidende Frage für Mitarbeitende nicht „Wann sind die nächsten Ferien?“, sondern „Warum bin ich genau hier und nicht woanders?“. 

Die Schule als „Evolutionäre Organisation“ 

Frederic Laloux beschreibt in seinem Werk „Reinventing Organizations“ genau solche Organisationen, in denen ein geteilter Sinn alle zentralen Bereiche wie Konferenzkultur, Aufgabenverteilung oder Konfliktlösung prägt. Schulen sind ideale Orte für diesen Wandel. Was kann es Sinnvolleres geben, als junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen neben grundlegenden Fähigkeiten und Fertigkeiten  Zuversicht für die Gestaltung des eigenen Lebens zu vermitteln? 

Paradoxerweise begünstigt die traditionell „schlechte“ Management-Struktur von Schulen diese Entwicklung: Das Zahlenverhältnis zwischen Leitung und Kollegium hat eine engmaschige Kontrolle schon immer unmöglich gemacht. Ein mittleres Management mit Personalverantwortung fehlt. Stattdessen existiert ein hohes Autonomiebedürfnis der Lehrkräfte. Dies sind perfekte Voraussetzungen, um traditionelle Hierarchien zu überwinden. 

Doch Vorsicht: Dies ist kein Plädoyer für eine Schulleitung, die sich raushält. In evolutionären Organisationen macht nicht jeder, was er will, sondern jeder trägt engagiert zu dem bei, was als gemeinsames Ziel verstanden und erlebt wird. Genau dafür braucht es kluge Schulleitungen, die eine entsprechende Zusammenarbeit initiieren und begleiten. Auch eine „kollegiale Führung“, wie sie Bernd Österreich und Claudia Schröder beschreiben, bleibt eine anspruchsvolle Führungsaufgabe. 

Erste konkrete Schritte 

Kollegien können gemeinsam mit ihren Schulleitungen sofort einen Anfang machen: 

  1. Besprechungen partizipativer gestalten: Nutzen Sie Methoden wie das „World Café“ oder Kartenabfragen statt endloser Plenumsdiskussionen, um sicherzustellen, dass möglichst jede Stimme gehört wird. 
  1. Aufgaben rotierend verteilen: Statt fester Zuständigkeiten können Aufgaben turnusmäßig wechseln. Das ermöglicht vielen, sich zu erproben und Verantwortung zu übernehmen. Schulleitungen können hier mit gutem Beispiel vorangehen und untereinander Aufgaben rotieren lassen. 
  1. Werte lebendig halten: Grundregeln der Zusammenarbeit sollten nicht nur auf einem Plakat stehen, sondern regelmäßig überprüft und neu ausgehandelt werden. Ein kurzer Feedback-Punkt in jeder Konferenz zu einem ausgewählten Thema, z.B. „Wie nehmen wir unseren Informationsfluss wahr?“, kann ein Anfang sein. 
  1. Gemeinschaftsbildung fördern: Individuelle Fortbildungen nach eigenem Ermessen gewähren und gemeinsame Fortbildungen gezielt auf die Stärkung der Beziehungskultur ausrichten. Die Ergebnisse der COPSOQ-Befragungen bieten dafür einen idealen Anknüpfungspunkt und bieten die Möglichkeit, dazu einen zusätzlichen Fortbildungstag zu nutzen. 

Was zu beachten ist 

Zwei Stolpersteine sind typisch: Erstens funktioniert eine neue Kultur nicht ohne die Leitung, aber auch nicht mit ihr allein. Solange Lehrkräfte an einem alten, hierarchischen Rollenbild festhalten, laufen Initiativen der Schulleitung ins Leere. Zweitens wird es oft erst schwerer, bevor es leichter wird. Gemeinsamkeit zu pflegen und Verantwortung zu übernehmen, kostet Zeit und kann verdeckte Konflikte an die Oberfläche bringen. Vielleicht wird es deswegen nicht nur schwerer, sondern erst einmal auch schlechter – das auszuhalten ist nicht einfach. 

Einen Königsweg gibt es nicht, denn eine Haltung lässt sich nicht verordnen. Der Weg führt vom „Ich darf“ (die Leitung erlaubt es) über das „Ich will“ (aus eigener Überzeugung) zum „Ich kann“ (weil ich es ausprobiere) – bis sich eine neue Form der Zusammenarbeit etabliert hat. 

Lesenswert: 

  • Bernd Österreich/Claudia Schröder: Das kollegial geführte Unternehmen 
  • Frederic Laloux: Reinventing Organizations 
  • Ralf Janssen: Kompano Framework für evolutionäre Entwicklung 


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